Romances inciertos, une autre Orlando

NINO LAISNÉ & FRANÇOIS CHAIGNAUD | Frankreich | Tanz & Musik

 

Nino Laisné und François Chaignaud kreieren mit «Romances Inciertos» (Unsichere Romanzen) eine queere Hommage an die spanische Renaissance und den Barock.

Virginia Woolfs Figur des Orlando, ein Soldat, der eines morgens als Frau erwacht, ist Ausgangspunkt für diesen unkonventionellen Dreiakter, der drei bekannte Figuren des spanischen Liedguts beschreibt. Von einem virtuosen Quartett für Alte Musik begleitet, Tanzt und singt François Chaignaud von einem Mädchen, das als Knabe in den Krieg zieht, dem androgynen Erzengel San Miguel und der Zigeunerin Tarara, die weder Mann noch Frau ist. Voller Inbrunst und Kompromisslosigkeit taucht man in jahrhundertealte Traditionen ein – provozierend und distanzlos. Die Travestie öffnet viel Raum für die Behauptung, jemand anderes zu sein, und lässt so die Eindeutigkeit der Genre- und Geschlechtergrenzen zerfliessen.

Der bildende Künstler und Filmemacher Nino Laisné und der Tänzer und Choreograf François Chaignaud zeigen mit «Romances Inciertos» eine Performance, die traditionelle iberische Musik und mündlich überlieferte Romanzen zu einem sonderbaren Epos für das andere Geschlecht verwebt.

 

«DER TÄNZER BEWEGT SICH WIE IN EINEM SPAZIERGANG, DER BEREITS VOR FÜNF JAHRHUNDER- TEN BEGANN UND ALLES MITEINANDER VERBINDET: DAS BANDONEON MIT DER BRATSCHE, VIRGINIA WOOLF MIT SPANISCHER FOLKLORE, STELZENTANZ MIT FLAMENCO, DIE STIMME EINES BASSBARITONS MIT DER EINES KONTRATENORS ... ALLES FÜGT SICH ZU EINEM SPEKTAKULÄREN ZENTRIFUGALEN SPEKTAKEL ZUSAMMEN, DAS SICH NICHT AUFHÖRT ZU DREHEN.» 
GUILLAUME TION, LIBÉRATION 

 


 

90 SEKUNDEN MIT NINO LAISNÉ & FRANÇOIS CHAIGNAUD

 

Euer Stück «Romances Inciertos, un autre Orlando»
taucht tief in die spanische Tanz- und Musiktradition ein.
Wie kam es zu dem Projekt?

Nino Laisné: Die Performance ist das Ergebnis meiner Vorliebe für traditionelle spanische Musik und ihre Geschichte. Diese Musik hat einen weiten Weg hinter sich und durchwanderte verschiedenste Regionen, die allesamt ihre Spuren hinterlassen haben. Ich fand es sehr faszinierend zu sehen, wie Figuren dabei ständig neu erfunden wurden. Manchmal wechselten sie sogar das Geschlecht.

François Chaignaud: Anders als in Frankreich, das sich als Nation und Staat gerade durch die Verdrängung regionaler Kulturen und Sprachen konstituierte, blieben regionale künstlerische Ausdrucksformen und lokale Unterschiede in Spanien eher erhalten. Was ich über Tanz und Kunst weiss, das lernte ich an staatlichen Institutionen. Ich fand es deshalb fantastisch bei diesem Projekt Künstler_innen und Tänzer_innen zu treffen, die innerhalb ihrer jeweiligen Gemeinschaften unglaublich raffinierte und hochstehende Kunstformen entwickelt haben – komplett ausserhalb der Institution.

 

Ihr habt eine sehr gründliche Recherche zu den verschiedensten Tanz- und Liedtraditionen betrieben. Was ist Euch besonders in Erinnerung geblieben?


NL: Die Recherchephase dauerte mehrere Jahre. Ich lebte während der Zeit in Madrid, was es sehr viel leichter machte, die unterschiedlichen Regionen Spaniens zu bereisen und mit diesen nach wie vor lebendigen Traditionen in Kontakt zu kommen. Meist handelt es sich bei den Quellen nur um mündliche Überlieferungen, nur selten wurde etwas schriftlich fixiert. Ein absolutes Highlight war der Besuch in der Ortschaft Anguiano. Seit Jahrhunderten wird dort ein Tanz zu Ehren von Maria Magdalena gepflegt, der Schutzheiligen der Stadt. Der Tanz ist sehr körperlich und er wird von acht Jungen aufgeführt. Sie laufen auf langen Stelzen und tragen gelbe Röcke. Ein Bild voller Kraft, strahlend wie die Sonne – eine fantastische Inspiration für François und mich.

 

François, wie würdest Du die Figur beschreiben, die Du auf der Bühne verkörperst? Gibt es ein konkretes Thema, das all den verschiedenen Masken und Rollen zugrunde liegt, in die Du schlüpfst?

FC: Wie in Virginia Woolfs Roman «Orlando» verändert sich die Identität der Figur während des Stücks permanent. Im Grunde gibt es drei Hauptfiguren – Doncella Guerrerra, ein junges Mädchen, das sich als (männlicher) Soldat verkleidet, um für den König auf dem Schlachtfeld zu kämpfen; San Miguel, in der Variante von Garcia Lorca – ein farbenprächtiger und aufreizender Heiliger; sowie La Tarara, eine ikonische Figur der Gitano-Kultur, die für ihre Exzessivität bekannt ist und die in manchen Quellen als intersexuell und marginalisiert dargestellt wird. Alle Figuren sind in ihrer geschlechtlichen Identität ambivalent und die meisten sind von einem extremen Idealismus getrieben.

 

Welchen Platz hatten derartig geschlechterfluide Identitäten im mittelalterlichen Spanien?

NL: Ich glaube nicht, dass marginale Identitäten während des Mittelalters gesellschaftlich besser integriert waren. Im Gegenteil: bestimmte Verhaltensweisen waren wahrscheinlich noch stärker stigmatisiert. Nichtsdestotrotz tauchen solche Einzelschicksale in Literatur und epischen Liedern, aber auch in Trinkliedern häufig auf. Uns hat auch sehr fasziniert zu sehen, dass das Konzept von Gender keine exklusive Erfindung unserer Tage ist, sondern dass wir Brüder und Schwestern in vergangenen Jahrhunderten haben.

 

Interview: Dominikus Müller



 
Konzept, Regie, Musikalische Leitung Bino Laisné | Konzept, Choreografie François Chaignaud | Gesang, Tanz François Chaignaud Bandoneon Jean-Baptiste Henry | Viola da Gamba Robin Pharo | Theorbe, Barock-Gitarre Pablo Zapico | Historische, traditionelle Perkussion Pere Olivé | Lichttechnik, Leitung Bühne Anthony Merlaud | Tontechniker Tournee Charles-Alexandre Englebert | Kostümdesign Carmen Anaya, Kevin Auger, Séverine Besson, María Ángel Buesa Pueyo, Caroline Dumoutiers, Pedro García, Carmen Granell, Manuel Guzmán, Isabel López, María Martinez, Tania Morillo Fernández, Helena Petit, Elena Santiago | Bühne Marie Maresca | Malerei Fanny Gaudreau | Bildbearbeitung Remy Moulin, Marie B. Schneider | Tischlerei Christophe Charamond, emanuel Coelho | Produktion, Administration Barbara Coffy, Jeanne Lefèvre, Clémentine Rougier | Touring Sarah De Ganck – Art Happens | Leitende Produktion Vlovajob Pru & Chambre 415 | Koproduktion Bonlieu Scène nationale Annecy (FR), La Bâtie. Festival de Genève (CH) | Gefördert durch das FEDER Programm INTERREG Frankreich-Schweiz 2014 – 2020, Chaillot – Théâtre national de la Danse (FR), deSingel (BE), Maison de la musique de Nanterre (FR), Arsenal. Cité Musicale-Metz (FR)

 

Das Gastspiel wird unterstützt durch die Sulger Stiftung und die Französische Botschaft in der Schweiz.